Sonntag, 18. März 2018

Waren die Nazis in Wirklichkeit Blondhasser?

Der Titel mag provokativ klingen, doch seit Jahren trage ich in mir einen Gedanken herum, der den meisten Lesern zunächst sehr ungewöhnlich und unwahrscheinlich erscheinen mag, da er scheinbar allem entgegensteht, was er so in Schule und Medien so mitbekommen hat. Es geht um den wahrscheinlich schwersten moralischen Ballast, der heute blonden Menschen von ihren Feinden aufgeladen wird. Die Rede ist von der Vorstellung, die Nationalsozialisten unter Hitler hätten eine besondere Vorliebe für Blonde gehabt oder die „blonde Rasse“ auf ein ungebührend hohes Podest gehoben. In gar nicht so wenigen Köpfen spuken gar solche kruden Vorstellungen herum, wie die, daß die Nazis nach ihrem „Endsieg“ alle dunkelhaarigen Leute sterilisieren oder erschießen hätten lassen wollen. Selbst im sachlichen Wikipedia findet sich im Eintrag zu „Blondine“ der ebenso lapidare wie irreführende Satz: „Im nationalsozialistischen Deutschland mit seinem damit einhergehenden Germanenkult galt die Haarfarbe Blond als gewünschtes Charakteristikum einer sogenannten „Herrenrasse.““

Die heutige Verbreitung derart absurden Unfugs in den Köpfen vieler Menschen hat nun zwei Wurzeln. Zum einen das allgemeine antiblonde Ressentiment unverbesserlicher Neider- und Nörglertypen, die krampfhaft jedes scheinbare Argument suchen, um die Blonden irgendwie schlechtzureden. Da die Nazis heute allgemein als „das Böse“ per se gelten kann man blonden Männern und auch Frauen natürlich leicht schaden, wenn man behauptet, daß eben diese Nazis sehr problond gewesen wären. Das schadet den Blonden, da diese dadurch Lob aus einer Ecke erhalten, aus denen es niemand empfangen will. In christlicher Zeit hätte man, um denselben Effekt zu erreichen, einfach behaupten müssen, der Teufel würde blonde Menschen mögen. Wer blonde Menschen aus irgendeinem Grund hasst, der freut sich natürlich darüber, daß die Nazis, die heute als die Bösesten der Bösen gelten, zugleich den Ruf haben, sehr problond gewesen zu sein, werden die Blonden dadurch allein doch in eine Position des moralischen Sich-Rechtfertigen-Müssens gebracht für Dinge, für die sie von Natur aus gar nichts können.

Die andere Wurzel aber liegt im Narrativ über die Rassenvorstellungen der Nationalsozialisten selbst. Diese werden in sämtlichen Sendungen des Fernsehens oder Darstellungen in der Literatur nicht nur verkürzt, sondern vor allem falsch und offenbar gezielt irreführend wiedergegeben. Daher habe ich mir die Mühe gemacht, mich einmal durch die entsprechende Originalliteratur durchzuarbeiten um deren Inhalt dann mit dem zu vergleichen, was uns heute als das angebliche Rassendenken der Nazis verkauft wird. Eine genauere Betrachtung der nationalsozialistischen Rassenvorstellungen zeigt nämlich, daß diese nicht nur nicht pauschal problond, sondern teilweise eher sogar das genaue Gegenteil davon gewesen waren. In manchem, was während des dritten Reiches geschrieben wurde, finden sich nämlich im Duktus vermeintlicher wissenschaftlicher Sachlichkeit bereits inhaltliche Elemente gegenwärtiger Blondinenwitze präformiert. Doch arbeiten wir die Sache der Reihe nach ab!

Zunächst erst einmal muß hier mit einigen grundlegenden Fehlvorstellungen bezüglicher der damals verwendeten Begrifflichkeiten aufgeräumt werden. Im Nationalsozialismus war weder jemals die Rede von einer „arischen“ noch von einer „deutschen“ und schon gar nicht einer „blonden“ Rasse.
        
Rassenexperte Hans F. K. Günther

Der maßgebliche „Rassenforscher“ des dritten Reiches war Hans F. K. Günther, damals einfach als „Rasse-Günther“ bekannt. Ein Teil des Inhalts seiner grundlegenden Rassenkunde des deutschen Volkes, einem bereits 1922 erschienenen umfassenden Werk Günthers, wurde später, während des Nationalsozialismus, in deutschen Schulen gelehrt. Es war in gewisser Weise eine Art Standard- und Grundlagenwerk der dort herrschenden Rassenvorstellungen.

Prof. Günther unterschied zwischen insgesamt acht europiden Rassentypen, von denen sechs für die europäischen Völker von Bedeutung sind. Die Negriden und Mongoliden hingegen werden von Günther nicht weiter beachtet, er unterscheidet sie auch nicht sonderlich weiter. Günthers Fokus liegt auf Europa (besonders Deutschland) sowie der historischen Indogermanenproblematik.

Von den sechs europäischen Rassen des Güntherschen Systems sind drei hellfarbig, drei dunkelfarbig bezüglich der Haar- und Augenfarbe, teilweise auch der Hautfarbe, wobei hier die Unterschiede innerhalb Europas natürlich nicht so groß sind. Man darf sich die Vertreter der hellfarbigen Rassen auch nicht ausschließlich als „blond und blauäugig“ vorstellen, sondern vielmehr als ziemlich hellhäutige Menschen mit meist „kalten“ Augenfarben (grau, blau oder grün) und eher helleren Haaren, von blond über rot bis zu hell- und mittelbraun.

Die dunklen Rassen nannte er die westische (oder mediterrane), ostische (oder alpine) sowie die dinarische Rasse. Diese spielen vor allem in Südeuropa eine Rolle, kommen aber auch im deutschsprachigen Gebiet vor.

Die hellfarbigen bzw. „blonden“ Rassen waren die nordische, fälische und ostbaltische. Nur die erste dieser drei, die nordische Rasse, wurde von Günther als besonders wertvoll für Kultur und Zivilisation herausgehoben. Es war ausschließlich diese vor allem in Norddeutschland, Holland, Skandinavien, Ostengland und Nordfrankreich vorkommende Rasse, welche dem damaligen Rassendenken als besonders schützenswert galt. Jedoch wird selbst bei der Lektüre von Günthers Werken, wie etwa der „Rassenkunde des deutschen Volkes“, niemals vollständig klar, ob Günther denn nun tatsächlich an eine besondere Begabung bzw. Vortrefflichkeit dieses Typus glaubte oder ob er diese Rasse einfach nur deshalb erhalten und „pflegen“ wollte, weil er in ihr den zahlenmässigen Kern des deutschen Volkes sah. Günther schätzte den nordischen „Blutsanteil“ in Deutschland damals auf nicht weniger als auf 60%. (Wohlgemerkt, „nordische“ Menschen, von denen sicherlich bestenfalls die Hälfte tatsächlich eigentlich blondhaarig war. Die meisten Beispielfotos aus seiner Rassenkunde zeigen bei der nordischen Rasse eher Leute mit braunen Haaren und blauen Augen, selbst bei den Frauen.)
   
Einteilung blonder Menschen in der Zwischenkriegszeit



       
Günther selbst, der seine grundlegenden rassenkundliche Werke bereits in der Zeit der Weimarer Republik schrieb, war seiner Weltanschauung nach mehr völkisch als eigentlich nationalsozialistisch gesinnt. Das völkische Empfinden Günthers ging bis hin zu sprachlichen Deutschtümleien: So wird die Physiognomie zur Gesichtsausdruckskunde, die Sexualität zur Geschlechtlichkeit. Somit richtete sich sein wissenschaftliches Interesse vor allem auf Deutschland, deutsche Geschichte, deutsches Brauchtum und deutsche Dialekte (er war seiner akademischen Herkunft nach Philologe) usw. als auch seine Sympathie zunächst mehr den Lebensinteressen des deutschen Volkes galt als irgendeiner expansionistischen, faschistischen und kollektivistischen Ideologie wie dem Nationalsozialismus. Dennoch verkehrte er bereits zu Zeiten der Weimarer Republik immer wieder mit Vertretern der Hitler-Bewegung, offenbar weil er in diesen am ehesten ernsthafte politische Streiter für das deutsche Volk zu erblicken vermeinte. Günthers Überhöhung der sogenannten nordischen Rasse muß vor diesem Hintergrund seines völkischen politischen Empfindens verstanden werden.

Worin bestand nun eigentlich die Überhöhung dieser Rasse im Güntherschen Denken? Aus den Beschreibungen über die „seelischen Eigenschaften“ dieser Rasse wird nun deutlich, daß Günther in ihr vor allem den Typus des führenden und organisierenden Menschen sah. Lesen wir also in der „Rassenkunde des deutschen Volkes“: Prof. Günther sprach der nordischen Rasse ein stärkeres Interesse an Dingen als an Menschen, dementsprechend auch eine geringe sexuelle, aber eine starke sachliche Leidenschaftlichkeit zu. Er erwähnt aber auch die Kühle nordischer Menschen und eine nicht selten auftretende seelische Rohheit, die er bei den anderen europäischen Rassen in der Form nicht gesehen haben will. Positiv hebt er Ausdauer, Selbstvertrauen und vor allem seine „innerhalb aller Gesittungen der Völker indogermanischer Sprache bewiesene geschichteschaffende Kühnheit und Schöpferkraft“ hervor.
Das Schöpferische, heute würde man sagen „Kreative“, ist für Günther ohnehin eines der wichtigsten Eigenschaften der nordischen Rasse und vielleicht eine der wichtigsten, aufgrund derer er diesem Typus einen ganz besonderen Wert für die Kultur beimessen will. Er zitiert hier den älteren französischen Rassenforscher Vacher de Lapouge, nach dessen Ansicht so gut wie alle bedeutenden Männer der abendländischen Geschichte dieser Rasse mehr oder weniger angehört haben sollen – ein Urteil, das in seiner Einseitigkeit damals bereits für reichlich Befremden gesorgt haben dürfte. Ich will die Aussagen Lapouges, die Günther ausführlich zitiert, hier wiedergeben, denn sie scheinen des Kernmotiv der besonderen Wertschätzung dieser Rasse zu sein. Lapouge schrieb in seinem Aufsatz „De l’Inegalité parmi les Hommes“ aus dem Jahre 1888 über die nordische Rasse, die er damals, wie sein Vorläufer Gobineau, noch als "race aryenne" (arische Rasse) bezeichnet:

„Fast alle großen Männer haben ihr angehört, selbst wenn sie Teil rassisch ganz anders gearteter Völker zu sein scheinen, und ich wäre nicht erstaunt, wenn das Licht, welches gewisse andere Rassen verbreitet haben, der Anwesenheit eines blonden, langköpfigen Einschlags in ihrer trägen Masse zuzuschreiben wäre, welcher durch die Dunkelheit der Zeiten verborgen geblieben ist. Die blonde, langköpfige Rasse scheint in der Tat dazu beigetragen zu haben, die leitenden Klassen zu liefern in Ägypten, besonders in Chaldäa und in Assyrien. Die Sache ist gewiß in Persien und Indien und möglich sogar für das alte China. Ihre Rolle ist jedenfalls sicher in der griechisch-römischen Zivilisation, und in unserer Zeit richtig sich die Bedeutung der Völker fast genau nach der Menge blonder Langköpfe, welche zur Bildung ihrer führenden Schichten beitragen. Zu dieser Rasse haben die gallischen und fränkischen Menschen gehört, welche Frankreich und seinen Glanz gegründet haben; es sind die gleichen Menschen, die in Deutschland den Massen Leben verliehen und durch ihre Bewegung fortreißen.“

Günther selbst relativiert dieses eindeutige Urteil Lapouges allerdings gleich wieder indem er betont, daß man die gesamte Rasse nicht nur nach ihren „höchsten Erhebungen“, sondern zunächst erst einmal vor allem nach dem Durchschnitt der gewöhnlichen Menschen zu beurteilen habe. Er führt dann aber eine Reihe an anthropologischen Untersuchungen an, aus denen er wie Lapouge folgert, daß nordische Menschen tendenziell eher in den oberen gesellschaftlichen Schichten zu finden sind, bei adligen Offizieren ebenso wie bei Akademikern oder Unternehmern. Diesem rassensoziologischen Gedanken Lapouges stimmt Günther ausdrücklich zu und führt ihn in seinen Werken breit aus.

Des Weiteren betont Günther den unternehmungslustigen, willensbetonten und kompetitiven Charakter typischer nordischer Menschen, den „echt nordischen Sinn für Wettbewerb“, der seiner Auffassung nach die Leistungen nordischer Völker „immer wieder hoch gesteigert“ habe. Auch weites Vorausplanen und kühles Berechnen, eine „vordenkliche Sinnesart“, kraft derer der nordische Mensch weniger dem Eindruck des Augenblicks hingegeben ist, deutet Günther als typisch nordische Eigenschaften.

Es ist hier nicht unsere Aufgabe zu beurteilen, ob diese Vorstellungen Günthers tatsächlich der Wirklichkeit entsprechen. Sie stimmen in der Tat mit vielen Klischees und Stereotypen über germanische Völker wie etwa den Schweden, Norwegern, Engländern oder auch den Deutschen überein. Günther verwendet in seinem Buch auch eine Vielzahl von Völkerbeschreibungen durch andere Autoren um die angenommene Wesensart der nordischen sowie der anderen europäischen „Rassen“ zu schildern.

Ob sie eine „rassische“ oder, modern formuliert, „genetische“ Grundlage haben wie es das biologistische Denken Günthers will oder eher etwas mit spezifischen soziokulturellen Prägungsfaktoren in den nordischen bzw. germanischen Ländern zu tun haben, kann durchaus Gegenstand ernsthafter Debatten werden. Doch wir wollen hier weder entscheiden, ob Günther empirisch richtig beobachtet hat noch ob diese Eigenschaften, sofern denn richtig beobachtet, nun eine genetische oder eine andere Ursache haben. Uns soll es hier nur um die von Günther und anderen Rassen-Experten zwar nicht geschaffenen, aber systematisierten und durch Schulen, Bücher und Informationsbroschüren damals während der Zeit des Nationalsozialismus tief ins Bewußtsein der Deutschen hineingemeißelten Vorstellungen selbst gehen. Wir werden später noch auf diese zurückkommen.

Viel entscheidender als diese Vorstellungen selbst waren die Konklusionen, die man aus ihnen im Rahmen eines sozialdarwinistischen Weltbildes gezogen hat. Klassische westliche Sozialdarwinisten, zu denen neben dem erwähnten Franzosen Lapouge auch Engländer wie Francis Galton oder der amerikanische Rassentheoretiker Madison Grant zählten fanden mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung auch im deutschen Denken Eingang. Besonders nach dem Ende des ersten Weltkrieges und des maßlosen Versailler Vertrages gab es bereits zu Zeiten der Weimarer Republik nicht wenige Köpfe, die ein brutales eugenisches, rassistisches und sozialdarwinistisches Weltbild als den einzigen möglichen Weg predigten, den Deutschland gehen kann, um in einer Welt von Feinden zu überleben – und zwar ziemlich parteienübergreifend. Am weitesten gingen in dieser Denkungsart natürlich die Nationalsozialisten. Eugeniker wie Eugen Fischer, Fritz Lenz und Erwin Baur hielten positive wie negative eugenische Maßnahmen – zu letzteren zählte unter anderem die berüchtigten Sterilisationen Erbkranker sowie die Euthanasie – für notwendige Mittel, um einer Verschlechterung der Erbsubstanz des deutschen Volkes, durch welches man anderen, konkurrierenden bzw. potentiell feindlichen Nationen gegenüber ins Hintertreffen geraten könnte, zu präventieren.

Die damalige Rassenforschung muß sich den Vorwurf gefallen lassen, mit derartigen kruden und unmenschlichen Vorstellungen eine geistige Ehe eingegangen zu sein. Heutige Darstellungen dieser Thematik neigen durch die Fokussierung auf den Nationalsozialismus zwar dazu, ein etwas falsches Bild zu erzeugen und deutschem Denken hierfür die primäre Verantwortung aufzuhalsen, während tatsächlich die geistigen Wegbereiter sozialdarwinistischen Wahnsinns eher in der englischsprachigen Welt zu finden waren, doch unbestritten bleibt nunmal die Tatsache, daß in der Anwendung negativer, teilweise auch rassistisch begründeter Eugenik kaum ein anderes Land so weit ging wie das nationalsozialistische Deutschland. Selbst der zunächst der Eugenik gegenüber zurückhaltende und in seinen Wertungen um Vorsicht und Sachlichkeit bemühte Hans F. K. Günther hat sich von diesem geistigen Virus des Sozialdarwinismus im Laufe seiner Forschungstätigkeit anstecken lassen. Er predigte zwar an keiner Stelle seines Werkes einen direkten „Rassenkampf“, wohl aber machte er sich ernsthafte Sorgen um die Zukunft aufgrund der „Entnordung“ des deutschen Volkes, d. h. die schleichende, aber kontinuierliche Abnahme des Anteils nordischer Menschen im deutschen Volkskörper aufgrund der niedrigeren Geburtenraten der an „nordischem Blut“ relativ reicheren oberen Bevölkerungsschichten, etwa Akademikern oder Unternehmern im Vergleich zu den geburtenfreudigeren, weniger nordischen Proletariern bzw. allgemein unteren Schichten.

Wäre es doch nur bei positiver Eugenik geblieben! Die Förderung geburtenschwacher, aber wichtiger sozialer Schichten wie etwa den Akademikern durch z. B. volles oder sogar erhöhtes BAföG für Studentinnen in der Zeit ihrer Schwangerschaft sind moralisch völlig unbedenkliche Methoden, um dem entgegenzuwirken, was die Eugeniker und „Rassenhygieniker“ als die Gegenauslese bezeichneten, also die niedrigeren Geburtenraten der oberen, kulturtragenden Schichten der einzelnen Völker unter den Bedingungen moderner Zivilisation. Derartige Methoden hat man z. B. auch in der DDR noch angewandt und wohin eine völlige Vernachlässigung der Sorge um die Erbsubstanz der eigenen Bevölkerung führen kann zeigt die jetzige Zeit eigentlich in größter Deutlichkeit auf: Wenn die jungen Leute zu Kaisers Zeiten noch die griechischen Klassiker zitieren konnten, so definieren heute trivialste Shows wie „Deutschland sucht den Superstar“ oder die antiblonden „Geissens“ das geistige Niveau breiter Bevölkerungsschichten. Die Gegenauslese scheint es also vielleicht wirklich zu geben, doch leider sind alle – selbst die harmlosesten – staatlichen Maßnahmen, einer solchen Herr zu finden dadurch stigmatisiert, daß die nationalsozialistischen „Rassenhygieniker“ es mit eugenischen Gegenmaßnahmen so fürchterlich übertrieben haben. Angesichts dieser Entwicklung haben wir wirklich Gründe, uns um unsere Zukunft Sorgen zu machen. –

Doch kommen wir wieder zurück zum eigentlichen Thema und formulieren wir nun zusammenfassend die erste These des Aufsatzes: Nicht die Rassenanthropologie selbst als damaliges – und damals bereits sachlich wie politisch umstrittenes Forschungsfeld – trifft hier die eigentliche Schuld für die Verbrechen der Nationalsozialisten (negative eugenische Maßnahmen, Juden- und Slawenpolitik) sondern erst die Verschmelzung dieser Forschungsrichtung mit der aus der angelsächsischen Welt stammenden sozialdarwinistischen Denkungsart. Die Rassenforschung selbst war ein zunächst erst einmal relativ wertfreies Gebiet wissenschaftlicher Forschungsarbeit über den Menschen, ein Teilgebiet der Anthropologie, das sich natürlicherweise bei einem gewissen Stand abendländischen wissenschaftlichen Bewußtseins entwickeln mußte. Dieser Stand war spätestens im 19. Jh. erreicht.

Damit gehen wir über zur Entwicklung der zweiten These. Das der Theorie nach zunächst wertungsfreie, rein akademische Feld rassenkundlicher Forschung ist naturgemäß immer der Gefahr ausgesetzt, daß sich dort auch persönliche Wertungen oder gruppenbezogene Klischees – gerade auch solche pejorativer Art – einschleichen. Die Rassenanthropologie wird ja nicht von Maschinen gemacht, sondern von Menschen aus Fleisch und Blut mit bestimmten Instinkten, Vorlieben und Abneigungen und ist somit in den Wertungen der angenommenen geistigen und moralisch-charakterlichen Eigenschaften der einzelnen als „Rassen“ definierten Taxonen immer der Gefahr der Subjektivität und damit eben auch das ungerechten oder falschen Urteils ausgesetzt.

Neben dem individuellen Empfinden des einzelnen Rassenforschers spielt vor allem das historisch gegebene soziokulturelle Umfeld, in dem dieser lebt, eine maßgebliche Rolle. Im hier betrachteten Fall ist es das Deutschland der Zwischenkriegszeit. In allen Einschätzungen seelischer Rasseneigenschaften flossen naturgemäß gerade die allgemeinen Vorstellungen, Klischees und Stereotype ein, die damals öffentliche Meinung oder Teil des Bildungsgutes waren.

Eine dieser Vorstellungen bestand in dem problematischen Slawen- und insbesondere Russenbild, das damals in Europa herrschte. Die Slawen galten als rückständig, faul, verlottert, haltlos, als leicht führbare Herdentiere und Massenmenschen, materiell genügsam, aber auch wenig produktiv und speziell bei den Russen fürchteten nicht wenige westliche Intellektuelle seit dem mittleren bis späten 19. Jh. auch noch die „asiatische Seele“, das vorzivilisatorische und antikulturelle Barbarentum, das seit den Tagen Attilas, Temudjins und Timurs die abendländische Kultur bedrohte. So nannte der amerikanische Schriftsteller Ambrose Bierce in seinem „Devils Dictionary“ den Russen „a person with a Caucasian body and a Mongolian soul.“

   
Die Frage, woher diese zwischen Verachtung und Furcht schwankenden Vorstellungen ursprünglich stammten, führt uns auf das komplexe Feld einer Vielzahl von Einflüssen, die alle ihre Rolle gespielt haben mögen. Ich will sie hier nur streifen.

Zum einen mag die tatsächliche Erinnerung an die spätantiken Hunnen-, frühmittelalterlichen Ungarn- und spätmittelalterlichen Mongoleneinfälle in Europa, wie sie in Erzählungen, Berichten und Mythen überliefert wurde, eine gewisse Furcht vor den schier unendlichen Weiten des eurasiatischen Ostens ins abendländische, vielleicht vor allem gerade deutsche Bewußtsein hineingraviert haben. Auch das Nibelungenlied, das manchen als deutsches Nationalepos gilt und als solches jedenfalls im 19. Jh. „wiederentdeckt“ wurde, handelt ja aus der Zeit des Ansturmes der Scharen Etzels. Selbst die späteren Eroberungszüge der Osmanen haben dieser kollektiven Furcht vor den scheinbar unbezähmbaren Horden Asiens neuen Auftrieb gegeben.

Die nationalsozialistische Propaganda – und nicht erst diese, ähnliche Gedanken gab es bereits bei europäischen Köpfen quer durch den politischen Gemüsegarten während der 1920er Jahre – hat nun den Sowjetbolschewismus in der Tradition dieser blutgierigen „asiatischen“ Kulturbedroher gesehen. In der in der Tat blutgeborenen Sowjetunion vermeinten viele damalige – nicht nur konservative – Intellektuelle den Herd eines neuen „Mongolentums“ zu erkennen, der die gesamte westliche Zivilisation zu bedrohen schien. In der kommunistischen Ideologie des Sowjetimperiums vermeinten teilweise auch linke Köpfe die Organisationsform eines neuen, blutgierigen, nach Weltherrschaft strebenden Massenmenschentums zu erkennen. Durch den Aufstieg Stalins, der an Grausamkeit und despotischem Cäsarenwahn seine Vorgänger Lenin und Trotzki noch in den Schatten stellte, schien diese Einschätzung besorgter Europäer schließlich vollends bestätigt worden zu sein.

Zweitens ist hier der Einfluß verschiedener älterer, auch rassistischer Theoretiker zu verstehen, die das Slawentum verachteten oder im Russen- und Asiatentum eine Gefahr für Europa sahen. Diese Köpfe, die natürlich selbst beeinflusst waren durch das historische Wissen über die einstige Bedrohung Europas durch die asiatischen Scharen, kamen zu sehr ungünstigen Urteilen über Slawen und Asiaten. So schrieb 1899 der Engländer Houston Stewart Chamberlain in seinen Grundlagen des XIX. Jahrhunderts von „physiognomielosen“ und „minderwertigen“ Slawen, die in den slawischen Ländern staatlich nur sinnvoll organisiert werden können durch einen Adel aus „echten Slawogermanen“ (gemeint hat Chamberlain damit wohl vor allem Menschen, die man später der „nordischen Rasse“ zugeordnet hat) oft deutscher Abstammung. Wie andere Autoren seiner Zeit betonte auch Chamberlain das Chaotische, Nihilistische, aus sich selbst heraus zu keiner staatlichen Organisation Fähige der slawischen Seele.

Das russische Riesenreich war nicht nur das der Fläche nach größte Land der Erde, sondern bildete zugleich auch die Schnittmenge zwischen Slawen- und Asiatentum, also den beiden großen ethnisch-rassischen Gruppen, die in den Vorstellungen des 19. Jh. so schlecht wegkamen. Allgemein verbreitet war die Vorstellung, daß Russland ein „asiatischer Bär“ sei, bewohnt von wilden, kulturlosen, fast steinzeitlich lebenden Horden, der politisch geführt wurde durch eine nur hauchdünne verwestlichte Oberschicht, die aber auch erst seit der Westöffnung Russlands durch Peter dem Großen bestand. So schrieb der französische Graf Gobineau schon Jahrzehnte vor Chamberlain sowohl von der gelben Gefahr durch das Asiaten- und speziell Chinesentum, als auch vom Russentum, das er zugleich verachtete als auch als Gefahr für Europa einschätzte.

Schließlich müssen wir uns hier drittens noch den Einfluß jüdischer Flüchtlinge vor Augen halten, die auf der Flucht vor antisemitischen Pogromen in der Zeit zwischen 1880 und 1910 in großer Zahl aus Russland nach Europa strömten. Diese Juden berichteten oft Schreckliches aus dem Zarenreich und lieferten damit Wasser auf die Mühlen der Russophoben.
      
Die blonde ostbaltische Rasse als 
Schnittmenge des "slawischen 
Untermenschen"
     
Hans F. K. Günther nahm all diese Vorstellungen in sich auf um zu seiner besonderen Schilderung des Charakters der „ostbaltischen Rasse“ zu gelangen. Diesem Menschentypus gehören große Teile der Bevölkerungen der nordslawischen und baltischen Länder sowie Finnlands an. Vor allem in Russland war dieser Typus nach Ansicht der meisten Rassenexperten von damals der anteilsmässig vorherrschende. Körperlich beschreibt Günther ostbaltische Menschen etwas kleiner als nordische, im Gegensatz zu diesen auch eher breitgesichtig und breitschädlig (brachycephal), was für die damaligen Forscher von großer Bedeutung war. Zudem können sie vorstehende Wangenknochen und leicht schiefgestellte Augen haben – also „mongolide“ Merkmale, die besonders in Finnland häufig zu sein scheinen, von den meisten damaligen Europäern aber vor allem mit dem „typisch Slawischen“ assoziiert wurden. Das für uns Wichtigste aber: Dieser Menschenschlag wurde ebenfalls als blond und helläugig definiert, wobei Günther im Detail meinte, ostbaltische Menschen würden eher zu einem aschblond und weißblauen oder grauen Augen tendieren, nordische hingegen eher zu gold- oder dunkelblonden Haaren und blauen Augen.

Obgleich sich Günther um eine sachliche Beschreibung sichtlich bemüht ist auch bei ihm eine gewisse Geringschätzung ostbaltischer Menschen kaum zu übersehen. Diese werden als haltlos, entscheidungsunfähig, leicht führbar und unterwürfig, als wirklichkeitsferne Phantasten und Schmieder ehrgeiziger, aber niemals umsetzbarer Pläne beschrieben, die der überlegene nordische Mensch mit seiner Planmäßigkeit und seiner Fähigkeit zu sachlichem, konkret-faktischem Urteil oft nur belächeln kann. Überhaupt wird in dem ganzen Kapitel über die seelischen Eigenschaften der ostbaltischen Rasse diese nur mit der nordischen polarisiert, nie mit einer anderen. Zu „zielbewußtem, vorbedachtem und entschlossenem Handeln“ sei der ostbaltische Mensch Günthers Auffassung nach in dem Maße unfähig wie der nordische Mensch dazu fähig sei. Des Weiteren gilt ihm dieser Menschenschlag als launisch und flatterhaft in seinen Gefühlen. Beständigkeit und Ernst fehlen Günther nach den ostbaltischen Menschen gewöhnlich, wobei allerdings der fehlende Lebensernst oftmals sein Surrogat findet in einem verbissenen Fanatismus, der sich bis hin zur Grausamkeit steigern könne: Mit der Schilderung letzterer Eigenschaft dürfte Günther wohl die Erfahrungen deutscher Soldaten aus dem ersten Weltkrieg verarbeitet haben, die damals in russische Kriegsgefangenschaft gerieten und Fürchterliches durchmachen mußten.

Im Sexuellen würden ostbaltische Menschen zur „Grobheit“ neigen – wieder eine Dichotomie zur vornehmen Zurückhaltung, wie sie Günther für nordische Menschen als kennzeichnend erachtet. Er beschreibt die ostbaltische Rasse wie ein disharmonisches Negativ seiner idealisierten harmonischen nordischen Rasse. Wo bei nordischen Menschen Ordnung und Ebenmaß herrscht, da regiert in der „ostbaltischen Seele“ das Chaos. So heißt es über die Wechselhaftigkeit osbaltischer Gefühlszustände:

„Ebenso eigenartig berührt auch das gleichsam unvermittelte Nebeneinander von Hingabe an den Nächsten bis zu Unterwürfigkeit und grenzenloser Versöhnlichkeit einerseits und neidischer Selbstsucht und eigennütziger Verschlagenheit andererseits bei ein und demselben Menschen, und bezeichnend scheint auch die Verschwendungssucht zu sein, die den vorher bescheiden lebenden ostbaltischen Menschen erfaßt, sobald er zu Reichtum gekommen ist.“

Nun beziehen sich die rassenkundlich tätigen Autoren bei allen ihrer Rassenbeschreibungen vor allem auf deren männliche Vertreter. Etliche Schilderungen kann man aber auch auf beide Geschlechter anwenden und sind so auch von Günther gemeint. Wenn Günther etwa ostbaltischen Menschen sexuelle „Grobheit“ unterstellt, so ist klar, daß er damit bei den Männern an wollüstige Grobiane, bei den Frauen aber an das denkt, was man heute vulgär als „Schlampen“ bezeichnet. Andere Eigenschaften wie die Haltlosigkeit, Verschwendungssucht oder Unterwürfigkeit, sind ohnehin „geschlechtsneutral“, müssen also als Beschreibungen des Verhaltens sowohl der männlichen als auch der weiblichen Vertreter dieses Typus gelesen werden.

Vergleicht man diese von Günther zusammengetragenen Klischees über die „typischen Slawen“ bzw. den ostbaltischen Rassentypus so ergeben sich hierbei verblüffende Übereinstimmungen zu moderneren Stereotypen über blonde Frauen. Auch diese werden ja gewöhnlich als etwas infantil, launenhaft, naiv, aber auch als stark sexualbetont, zuweilen gar nymphomanisch dargestellt. Die Betonung des sexuell Flatterhaften, Leichtlebigen und zuweilen Vulgären entspricht recht genau den älteren Klischees über russische Frauen bzw. dem ostbaltischen Rassencharakter wie Günther ihn als solchen beschreibt. Blond wird hier zum Symbol für die „Slawenschlampe“ bzw. „russische Prostituierte“, zur lasterhaften und liederlichen Frau, die der Mann nur für gewisse Zwecke brauchen, als menschliches Wesen aber nicht für voll nehmen kann.

Überhaupt hat die westeuropäisch-deutsche Slawenverachtung psychologisch gesehen manches gemein mit der Verachtung „echter Männer“ für „die Weiber“ und wenn ein Hans F. K. Günther der von ihm so „weibisch“ beschriebenen ostbaltischen Rasse noch gutmütig-belächelnd auf die Schulter klopft ohne sie dem nordischen Menschen als gleichwertig einzustufen, so fanden später gefährliche Demagogen wie Joseph Goebbels und Heinrich Himmler deutlich aggressivere Worte gegenüber dem „slawischen Untermenschentum“. So heißt es in einer offenbar von Himmler verfassten und vom SS-Hauptamt ausgegebene Schrift über Rassenpolitik, die zur weltanschaulichen Schulung von SS-Leuten diente, klipp und klar:

"Am entschiedensten müssen wir die Einvolkung und Rassenmischung mit den Völkern des Ostens ablehnen, bei denen die ostbaltische (osteuropide) Rasse dominiert. Die seelische Haltung dieser Rasse steht in starkem Gegensatz zu derjenigen der nordischen Rasse; auch ist sie in ihrem Erbgefüge am wenigsten stimmig und ausgeglichen."

Natürlich können wir nicht in jedem gedankenlosen Alltagsbürger, der vulgäre Blondinenwitze reißt, einen geistigen Erben nationalsozialistischer Rassenideologie erkennen. Doch es ist eben auffällig, wie sehr die Klischees über die blonde „ostbaltische Rasse“, die Günther noch in relativ zurückhaltendem, aber doch klar textendem Stil beschrieb, mit den gegenwärtigen Zynismen empathiearmer und liebloser Männer über blonde Frauen ähneln. Abgesehen von dem ganz trivialen Versuch, blonde Frauen dadurch herunterzuziehen, daß man sie einfach undifferenziert als „dumm“ abtut, finden sich faktisch alle heutigen Blondinen-Stereotype in eben jenen rassenphänomenologischen Beschreibungen der ostbaltischen Rasse bereits vor. Somit lebte diese alte, rassistische, westeuropäische, den Deutschen ebenso wie den Briten und anderen selbsternannten „Herrenvölkern“ eigene verächtliche Sichtweise gegenüber einen bestimmten Menschentypus heute seinem Wesen nach kaum verändert fort – lediglich der Stil ihres Auftretens wurde dem Trivialismus der Jetzt-Zeit angepaßt.

Damit kommen wir zum Ausgangspunkt zurück. Die eingangs skizzierte Taktik antiblonder Hetzer besteht ja darin, den Verteidiger der Rechte blonder Menschen in eine Ecke zu stellen mit den rassistischen und sozialdarwinistischen Nationalsozialisten, die ja angeblich „Blonde bevorzugt“ hätten. Ich habe gezeigt, daß dies nicht nur nicht stimmt, sondern daß das Gefährliche, der tatsächlich Menschenleben fordernde sozialdarwinistische Kern nationalsozialistischer Rassen-Demagogie, gar nicht in der Idealisierung der „nordischen“, sondern in der Abwertung der „ostbaltischen“ Rasse bestand. Heutige perfide antiblonde Demagogen setzen blonde Leute gleich mit der weit verbreiteten Vorstellung „brutaler SS-Schergen“ oder „Nazi-Herrenmenschen“ und dergleichen. Diese absurde Gleichsetzung einer völlig unschuldigen Haarfarbe mit einer gefährlichen politischen Ideologie entpuppt sich bei näherem Hinsehen selbst als Ausdruck einer impliziten Rassen-Ideologie, nach welcher blonde Menschen pauschal weniger Recht haben dürfen, da sie ja das waren, was „die Nazis“ verherrlicht hätten. Hier projiziert der antiblonde Demagoge seinen eigenen Wunsch, Menschen aufgrund einer bestimmten Haarfarbe ohne Reue unterdrücken oder moralisch erpressen zu dürfen, auf die Träger dieser Haarfarbe selbst.
Dies dürfen sich blonde Männer und Frauen niemals bieten lassen! Nicht sie haben sich aufgrund ihrer Haarfarbe zu rechtfertigen, zumal sie zu dieser durch eigenes Handeln ja nichts beigetragen haben. Sie kommt ihnen von Natur aus zu wie den Schwarzen die dunkle Hautfarbe oder den Ostasiaten der Epikanthus. Vielmehr gehören die antiblonden Hetzer auf die Anklagebank! Diese tun de facto das Gleiche wie es Himmler oder Goebbels getan haben, denn sie hetzen gegen Menschen aufgrund eines ihnen genetisch gegebenen Merkmals, für das diese unschuldig sind. Hier müssen wir hinsehen, wenn wir wirklich aus der Katastrophe des Nationalsozialismus gelernt haben wollen!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen